Unberührte Natur und Erdbeben in und nahe Christchurch

CHRISTCHURCH – Gleich vorne weg, nach Christchurch würde ich in absehbarer Zeit wohl nicht gerade nochmals. Ob die Stadt etwas dafür kann – nein, natürlich nicht. Als wir in Christchurch ankommen und zu Fuss die Innenstadt oder das CBD (Central Business District), wie es hier so schön genannt wird, erkunnden erleben wir hauptsächlich eines: Eine einzige Baustelle. Auf dem Plan für die nächsten zweieinhalb Tage stehen wenige Punkte und die Recherchen nach möglichen Aktivitäten gibt nicht viel mehr her. Zudem meldet der Wetterfrosch auch noch kalt, nass und stark windig. Die Begeisterung für die Stadt hält sich dementsprechend in Grenzen. Nichts desto trotz erkunden wir an unserem Ankunftstag die Baustelle im CBD. Das Wahrzeichen von Christchurch, die ChristChurch, ist vom Erdbeben erschüttert eigentlich nur noch ein Haufen der einst aufeinandergestapelten Steine, das Zentrum der Stadt also eine Ruine. Nicht anders sehen die unliegenden Gebäude aus. Auf dem Vorplatz der Kathedrale finden sich dennoch viele Leute, die einen Markt beleben. Auch in der New Regent Street, die zwar irrsinnig süss gestaltet und von vielen einladenden Cafés gesäumt ist, fliegt uns das Sägemehl von einer Baustelle in unser Glacé. Von den wenigen Shopps in der Shoppingstrasse haben nur einige geöffnet und ab und an wird die Gebäudereihe durch eine Lücke, eine Ruine oder eine Baustelle unterbrochen. Der Hagley Park mit dem integrierten botanischen Garten ist riesig und wunderschön aber im Grunde nichts aussergewöhnliches. Ausser die Gondoliers, die in der Nähe des Spitals starten und auf dem Avon Fluss durch den Park gondeln. Bei dem Anblick kommt fast ein wenig Venedig-Feeling auf. Gegenüber des Ausgangspunkt der Gondoliers regt eine kahle Mauer als Gedenkstätte für die im Erdbeben im Jahr 2011 gestorbenen Menschen und die vielen Blumen davor zum Nachdenken an.

Zurück in unserem speziellen Hostel, gilt es erst einmal einzuchecken – wir nächtigen in einer Zelle eines ehemaligen Gefängnis. Die Unterkunft ist also nicht nur eine Unterkunft, sondern auch eine Attraktion und wirklich ein Erlebnis. Einige der Zelle wurden bewusst in ihrer ursprünglichen Form belassen, inklusive der Wandkritzeleien der letzten Insassen. Gruselig und aufregend zugleich! Das Konzept Gefängnis wird in amüsanter aber gekonnter Weise konsequent durchgezogen. Die Gäste sind keine Gäste, sondern Insassen, die Rezeptionisten keine Rezeptionisten, sondern Wächter und die Bilder an den Wänden erinnern an bekannte Hollywood-Bösewichte. Wie ich in der doch sehr engen Zelle schlafe? Nicht schlecht. 🙂

Tag zwei startet nach einem leckeren Frühstück in einem Shoppingzenter. Immerhin war ja schlecht Wetter gemeldet und am zweitletzten Stopp auf einer viermonatigen Reise muss nun auch der restliche Platz im Rucksack nicht mehr aufgespart werden. Mit ein paar Dollar weniger auf dem Konto, verlassen wir das Zenter jedoch wegen doch nicht so schlechtem Wetter frühzeitig und entscheiden uns für eine Aktivität draussen. Wir besuchen ein Wildlife Reserve, das eigentlich eher ein Zoo ist. Nebst vielen anderen Tieren begeistert uns hauptächlich der kleine Kiwi, den wir in einem Noctorama beobachten können – kurz vor Schluss doch noch einen lebendigen Kiwi gesichtet. Weiter gehts später bei doch etwas kühleren Temperaturen und bewölktem Himmel im sogenannten QuakeCity, einem sehr gelungenen Museum über die Erdbeben in Christchurch. Im Zentrum steht natürlich das zerstörerische Beben im Jahr 2011 und wir lernen viel darüber wie ein Erdbeben zustande kommt, weshalb es in Christchurch und der Umgebung so viele gibt, wie die Situation nach dem Beben im 2011 war und wie Neuseeland organisiert ist um solche Ausnahmezustände zu bewältigen. Besonders eindrücklich sind die Aufnahmen vom Beben 2011 sowie die Portraits von Menschen, die es hautnah miterlebt und überlebt haben. Beim Verlassen des Museums frieren wir wegen eines sehr kalten und starken Windes fast ein, weshalb wir im nächstbesten Restaurant etwas Znacht schnousen und uns auf den Rückweg ins Gefängnis begeben. Nach einer Aufwärmpause und ausgerüstet mit wärmer und vor allem mehr Kleidung, gehts dann nochmals auf ein Bier in ein nahegelegenes Restaurant.

Tag drei steht ganz unter dem Motto Antarktis und ja, damit ist unter anderem auch das Wetter in Christchurch gemeint. Ich habe praktisch alle warmen Kleider, die ich nach Neuseeland mitgebracht habe an und friere immer noch. Nichts desto trotz besuchen wir heute das Antarktiscenter. Was mir zuerst wie eine reine Touristenattraktion (Huskeys streicheln, Hände in Eiswasser halten, Schneesturmattrape danke Windmaschine und 4D Kino vom Film Happy Feet) erscheint, wird gegen Schluss tatsächlich fast zum Highlight von Christchurch. Wir erfahren viel über den siebten Kontinenten unserer Erde, der kein menschliches Leben beheimatet und deshalb auch keiner Nation „gehört“. Ziemlich speziell – das ist eine Art Nimmertsland. Es wird erklärt, wieso es heute dort so kalt ist (by the way, es war nicht immer so kalt dort), welche Tiere und Pflanzen (!) dort dennoch leben, welche fantastischen Entdeckungen gemacht werden und wie unerforscht die Antarktis heute immer noch ist. Faszinierend – Forscher finden täglich zwischen 20 und 30 zuvor noch nie gesehene Kreaturen in und um die Antarktis. Die Bilder und Videoaufnahmen von der einzig wirklich unberührten Natur auf Erden sind einfach nur atemberaubend! Die Dokumentationen über die Vorbereitungsarbeiten, die Reise dorthin und das Leben bei teilweise minus 70 Grad (ein Mensch würde in normaler Alltagskleidung in weniger als 30 Sekunden erfrieren!) einfach nur beeindruckend. Wieso das Zenter in Christchurch ist? In Christchurch haben viele Nationen Forschungsbasen und von hier aus starten auch die Flüge (nein, die sind nicht wie ein normaler Flug buchbar und sehen auch nicht ganz so aus) an die Antarktis. Und weil es so gut ist, versäumen wir Tag drei komplett im Center und kehren erst gegen Abend glücklich aber tiefgefroren ins Gefängnis zurück.

Nein, die Schuhe sind kein Indiz dafür, dass ich betreffend Temperaturen übertreibe – die sind viel eher die grösste Fehlentscheidung! Und ja, die Jacke hätte ich nach dem Foto am liebsten anbehalten.